amerikanismen
5 Jahre USA - Ein Rueckblick
November 2006


Es glaubt uns ja keiner...

...dass es sich hier gut aushalten laesst.
Aus einem urspruenglichen "Schauen wir mal" sind inzwischen fuenf Jahre geworden. Viel hat sich getan, einiges haben wir durchgemacht, aber immer mit Perspektive und sich erfuellenden Hoffnungen, und so spricht vieles dafuer, noch ein Weilchen so weiter zu machen.
“Live is so much easier” und wir meinen, dass die Menschen hier im allgemeinen gluecklicher leben und hoeflicher und disziplinierter miteinander umgehen.
Das Lebensgefuehl eines "American way of life" ist ja aelter als die USA selbst und auch wenn wir nicht mehr politischen oder religioesen Wirrungen oder Armut entrinnen mussten, so geniessen wir doch die hiesige Lebensart.
Nicht alles, was hier passiert, heissen wir gut und das Land hat also natuerlich auch seine Probleme, aber bisher haben wir es geschafft, den Kehrseiten der amerikanischen Gesellschaft aus dem Weg zu gehen.
Einer der Hauptvorzuege dieses Lebensstils beruht auf dem einander gewaehren lassen, Prost.


Zunaechst ein paar Fakten:

Eine Familie gegruendet. Unseren Felix am 1. September 2003 in Ann Arbor, MI geschenkt bekommen.
Zweimal umgezogen. Einmal innerhalb Michigans, und dann von Michigan nach Indiana.
Zweimal ein Haus gekauft. Zuerst in Novi, MI - unser erstes ueberhaupt, und dann unser jetziges in Columbus, IN.
Einmal den Job gewechselt. Endlich wieder was Vernuenftiges machen.
Eine Katze zugelegt.
Mallory heisst sie.



Ja, also unserem Felix geht es gut hier. Und wir glauben, dass er hier noch viel Gutes lernen kann.
Und auch sein Aufwachsen in der Zweisprachigkeit schaetzen wir.

Leider, Familie ist weit weg, und das ist schade.
Und auch die Wege so mancher Freude verliefen in eine andere Richtung.


Und natuerlich rumgereist sind wir wie die Wilden.
Vor Felix alles per Van und fast ausschliesslich Camping.
Und was wir alles gesehen und erlebt haben. Wir haben quasi siebzehn Wochen in Nationalparks zugebracht: Der Nordosten mit seiner rauhen Atlantikkueste und dabei auch ein gutes Stueck Kanada, die Grossen Seen natuerlich und die Weiten der Praerie, der Yellowstone, aber auch weiter suedoestlich und ziemlich intensiv das Colorado Plateau, und noch weiter suedlich Wuesten bis an Mexikos Grenze.
Damit wird auch schnell klar, was noch so alles auf der Liste steht :-)

Natuerlich sind wir hier mit Urlaub und Feiertagen nicht so gesegnet wie in Europa, aber bei Cummins haben wir auch so manchen Feiertag und auch Betriebsferien.


In unserem derzeitigen Home fuehlen wir uns uebrigens sehr wohl.
Schoen, wenn Jana und Felix am Morgen vor dem Weg zur Arbeit von der Terasse winken.
Und nicht nur im Auto, sondern gerade im Haus moechten wir im Sommer bei neunzig Grad Fahrenheit und ebenso viel Prozent Luftfeuchte die Klimaanlage nicht mehr missen.
Aber manchmal wird es auch uebertrieben: Einmal ist mir beim Verlassen eines Geschaeftes die Brille beschlagen.
Inzwischen kenne ich mich jedenfalls voll aus mit Drywall, Studs, Isolierung, HVAC, Landscaping, Kettensaege...
Im Gegensatz zu Europa gibt es in Nordamerika keine Gebirge in Ost-West-Richtung, die die arktische Kaelte (und unter Umstaenden Massen von Schnee) aufhalten koennen. Umgekehrt kann es aber auch schnell recht heiss werden. Der ungehinderte Duchzug polaren Wetters bis zur Golfkueste bringt jedenfalls auch Tornados mit sich. Bis jetzt haben wir aber zum Glueck noch keinen gesehen geschweige denn erlebt.

Und wir haben praktisch kein TV. Bis auf einen gut empfangbaren und einen total verrauschten Sender, bekommen wir nix weiter ueber eine einfache Antenne ’rein. Aber wir sind nicht gewillt, richtig Geld fuer Satellit auszugeben (Kabel waere bei uns „draussen“ nicht mal verfuegbar) und so kommen wir in den Mehrgenuss freier Zeit.
Und das Leben ist soviel ruhiger! Und alles wirklich wichtige bekommen wir auch so mit ueber Radio oder Internet.


Unsere zwei vorsintflutlichen Autos haben wir auch noch. Der deutsche TUEV hätte seine helle Freude an ihnen. Nicht, dass der Katalysator oder die Bremsen nicht mehr funktionieren wuerden, aber mit den inzwischen erworbenen Blechschäden (einer vorne links, der andere hinten rechts) kämen wir in Deutschland nicht sehr weit. In weiten Teilen der USA gibt es ja keine solche Institution.
In die Kisten haben wir leider schon zu viel Reparaturgeld gesteckt, aber sie laufen noch gut, wir haben zusammen um die hunderttausend Meilen draufgelegt und Ablösung ist noch nicht wirklich in Sicht.


Es sind die so zahlreichen kleinen Annehmlichkeiten und grossen Freiheiten, die erfreuen. Vieles ist inzwischen zur Selbstverstaendlichkeit geworden und wir wissen natuerlich nicht im Detail, was sich so alles "drueben" getan hat. Aber wenn wir gerade so an die Anfangszeit zurueckdenken, haben wir manchmal nur den Kopf geschuettelt, um wieviel schwerer wir es uns doch manchmal so machen mussten.
Ohne Geld geht natuerlich auch hier gar nix. Aber aufgrund einer ausgepraegten Spendenbereitschaft vielleicht doch noch immer ein bischen mehr als in Deutschland. Und gerade im Dienstleistungsbereich sind immer (schlecht bezahlte) jobs zu finden.
Aber wenn man dann nicht wirklich darauf angewiesen ist, so bietet gerade ein part time job wie Jana ihn bei "The Children's Place" hat, neben dem Zuverdienst noch maechtig Sparpotenzial.

Zuweilen gehen die Gedanken natuerlich zurueck in die Alte Welt. Familie, alte Freunde, Kulturelles, festes Brot, Harzer Kaese, Quark, Sturm & Brettljause oder alte Gemaeuer fallen durch Abwesenheit auf. Buecher kommen durch Besuche zu uns, viel wird kompensiert.
Aber wir waeren nicht mehr hier, waere die Endsumme nicht positiv.

Verallgemeinerungen ueber die Amerikaner und ihre Lebensart sind fast immer falsch. Dieses Land, das einen halben Kontinent umfasst, ist so vielschichtig, das auch der "Spiegel" in seinen Kommentaren regelmaessig daneben haut. Ohne die Alte Welt waere Amerika heute nicht das, was es geworden ist. Was zurueckschwappt findet nicht die ungeteilte Zustimmung, weil es nur die halbe Wahrheit ist. Die ganze Wahrheit muss man selbst erleben.
Ehemaliger Nachbar Chuck mit (very young) Felix


Seit vier Jahren waren wir nicht mehr "drueben".
Gespannt sind wir, wie wir den im naechsten Jahr geplanten Besuch empfinden werden.



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