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Artic Excursion
Dezember 2012



“Anyone who keeps the ability to see beauty never grows old.”
Kafka


Das obige Bild von Erling Johansson trifft genau meinen Nerv. Es hing im Frühstücksraum unserer Pension in Gällivare. Beim ersten Betrachten fielen mir neben den Rentieren natürlich die orangefarbenen Fransen in der oberen Bildhälfte auf, und ich dachte mir, dass es wohl sonnendurchstrahlte Wolkenränder sein könnten, und die gelbrote Zackenkugel dann wohl auch die Sonne, als es mir plötzlich einschoss, dass die darunter abgebildet Formation dann natürlich das Lapporten, das Tor Lapplands, sei. Das Wahrzeichen der Region, des schwedischen Lapplandes, zweihundert Kilometer nördlich des nördlichen Polarkreises. Das Reich des Polarwinters
(und -sommers). Genau da, wo wir hin wollten.
Ohne unsere Entsendung nach Schweden hätten wir so einen Trip wohl nie gemacht. Lappland, das klang doch immer recht exotisch und unerreichbar. Und dann mal richtige Polarnacht, das wollte ich mal erleben. Unsere Hoffnung auf Nordlicht jedoch, Aureora borealis, hat sich leider nicht erfüllt. Da kann man nur sagen, macht nischt, Gran Canaria kann jeder.

An- und Abreise waren Aufwand, keine Frage. Wir haben's in Ruhe angehen lassen.
Das erste Hotel, das Aveny in Umea, war noch das beste. Es war geschmackvoll eingerichtet, wir hatten getrennte Zimmer, das Frühstück war ausgezeichnet.
Über den Tag sackten die Temperaturen dann ab. Aus anfänglich minus zehn Grad wurden es unterwegs auch mal bis minus dreissig Grad. Unsere Unterkunft war quasi eine Wohnung, das Frühstück mit Blick auf oben erwähntes Meisterwerk gab's in der Pension gegenüber.
Der nächste Morgen zeigte sich mit nur minus fünfzehn Grad versöhnlich, der Diesel war wohl aber noch mächtig unterkühlt und hat drei lange Startversuche gebraucht bis er ansprang.
Vor der Weiterfahrt waren wir aber noch in der Stadtinformation und haben uns unterwegs über die allgegenwärtige Weihnachtlichkeit gefreut.
Auf der Fahrt nach Kiruna erleben wir nicht mehr allzuviel Verkehr und schönes Licht. Es ist Mittag, die Sonne schafft es schon nicht mehr über den Horizont, aber alles wird in rosa Licht getaucht. Ich werde unruhig, zu schade, dass wir noch im Auto sitzen.
Wir kommen zwar am frühen Nachmittag in unserem Ziel Björkliden an, aber es wird bereits dunkel und für den Rest des Tages besuchen wir das Berghotel und richten uns in unserer Cabin ein. Wir haben zwei Zimmer, eine Wohnküche, und im Bad sogar einen Trockenschrank, d.h. einen oft anzutreffenden überdimensionalen Heissluftschrank zum Trocknen feuchter Bekleidung und Schuhe.
Am nächsten Tag zum Frühstück tobt draussen der Schnee bei lockeren minus zehn Grad.
Aber gegen elf hat sich alles beruhigt, die hellsten Stunden des Tages liegen vor uns und wir begeben uns nach draussen. Henny und Jani mit dem Schlitten auf die Piste, ich mit Felix zum Torneträsk. Von dort aus verspreche ich mir gute Bilder und Erlebnisse für Felix.
Der kürzeste Weg vom Berg herunter war nicht der beste, aber für Felix der richtige. Am Ufer entdecken wir was Felix als das Paradies bezeichnet, eine Baumgruppe, über und über mit Eis bedeckt.
Mit den Wanderern des Weges komme ich ins Gepräch und erhalte ein paar gute Tipps.
Schöne Eisgrotten haben sich am Ufer gebildet.
Die Sonne war nur zu erahnen, zauberte aber zu dieser Mittagsstunde ein schönes Licht auf die Berghänge.
Ich weiss noch nicht was ich vom Eis halten soll, mehrere Personen haben mir versichert, dass das Betreten gefahrlos sei. Das Reissen und Blubbern muss also rein zufällig und ohne mein Zutun auftreten.
Immer wieder lotst mich Felix zurück, um mir was zu zeigen. Als Tribut muss er auch mal in die Kamera lächeln.
Dann schlägt das Wetter wieder zu und deckt uns mit Schnee ein: White out. Das gegenüberliegene Ufer ist nicht mehr zu sehen. Der Schnee so trocken, dass er nirgendwo kleben bleibt.
Wir machen uns langsam auf den Rückweg, waren jetzt schon zwei Stunden unterwegs, und kommen auch am Eisfall vorbei.
Felix hat sich wacker geschlagen, die Tour war anstrengend. Zum Ende sank ihm etwas der Mut, aber er hat nicht geklagt. Zur Belohnung und als Motivation für alle habe ich dann den Snowracer rausgerückt. Diese lenkbaren Schlitten sind ziemlich populär und nach einer guten Mittagessen-Kaffetrinken-Kombination sind wir alle vier mit allen verfügbaren Schlitten auf die beleuchtete Piste. Hatten das Gelände komplett für uns und am Ende waren wir alle ziemlich geschafft.
Was ich am Vorabend verpasst habe, hole ich nach dem Abendbrot nach, Vollmond mit schön ausgebildeter Korona in der dünnen Wolkendecke.
Ich verspreche alle zu wecken, falls sich etwas Nordlicht zeigen sollte, und mache mich auf eine Nachtwanderung. Ich halte es lange aus, beziehe verschiedene Standorte, und zeitweise bietet sich eine fantastische Sicht auf das Lapporten.
Aber wie eingangs erwähnt, wecken musste ich niemanden.
Am nächsten Morgen um halb neun ruft mich Jana aus den Federn: Licht! In Windeseile schmeisse ich mich in die Wintersachen und erklimme meine Aussichtspunkte.
Ich bin immer noch überascht über dieses fantastische Licht und den klaren Himmel.

The Colors of Lappland.
Bewährtes wird wiederholt: Jani mit Henny, ich mit Felix.
Diesmal ging es schneller bergab, wir hatten den Snowracer und nahmen bessere Wege.

Ich hatte es eilig, wollte unbedingt diesen wunderbar blauen Horizont vom See aus sehen.
Eiszapfen nach dem Motto: Nicht kleckern... oder wenn schon denn schon.

Unsere Sorge über das Reissen und Krachen im Eis wurde übrigens schnell zerstreut. Heftige Windböen trieben Wellen ins Eis und liessen es vom Ufer abreissen. Auf dieser sozusagen riesigen Scholle stehend, wurden wir sanft so um fünf Zentimeter auf- und abbewegt. Als wir schliesslich ein Loch freilegen konnten, nahmen wir mal Mass: dreissig Zentimeter! Das sollte reichen.
Und wenn ich das so sehe, die Idee wächst langsam aber stetig: Ein Hund hätte schon was.
Auch diesen, den letzten Abend halten wir Ausschau, die Vorhersage verheisst wieder moderate Chancen auf Borealis, aber im Gegensatz zu gestern ist der Himmel weitgehend zugezogen.
So packen wir am nächsten Morgen wieder unsere Sachen. Minus zehn Grad sind kein Hindernis für den TDI. Lulea heisst unser Ziel für den Tag.
Nach zwei Stunden Fahrt begegnen uns Rentiere auf der Strasse. Dass sie sich beim Fotografieren in den Wald verschlagen, ist sicher in aller Interesse.
Die Rückfahrt verläuft in bekannter Manier.
Die grosse Pause machen wir wie immer beim ICA. Das hat sich als guter Pausenort erwiesen. Dort können wir bei Bedarf das frische Baguette und die Bananen gleich mit einem frischen Kaffee verzehren.

Wir bewundern die Winterlandschaft. Oft schiessen wir Fotos aus dem Auto. Um mich zu beruhigen, muss ich mir immer wieder sagen, dass Bilder vom Strassenrand meistens doch nicht befriedigen.
Ausnahmen bestätigen natürlich nur die Regel.
Schneegestöber beim Fahren ist ermüdent, aber sehr eindrucksvoll.

Zur Bereifung ist ja noch festzuhalten, dass wir mit den hier verbreiteten Spike-besetzten Winterreifen unterwegs waren. In Deutschland zum Beispiel nicht erlaubt, sind diese Dinger bei fester oder vereister Schneedecke, wie quasi überall hier oben, unschlagbar.
Lulea. Stimmung wie in "Proletarische Trilogie".

Im Familienzimmer im Hotel schoben wir die Betten zusammen, so schlief es sich besser mit Henry im Bett.

Frühstück war ok. Gemütlich sitzend konnten wir draussen schwerstes Gerät beim Abtransport der Schneeberge beobachten.
Inzwischen hatte die Wärmewelle aus Südeuropa auch Schweden erreicht und wir hatten plus ein Grad. Felix war zwangsläufig damit einverstanden, den bis hierher mitgeschleppten gigantischen Doppeleiszapfen an Ort und Stelle zu lassen.
Für das ganze Gerassel und in diesem Fall auch den Eiszapfen haben wir uns übrigens eine Dachbox zugelegt. Ursprünglich hatte ich davon nicht viel gehalten, aber mit kleineren Autos und wachsenden Familien sieht das eben anders aus.
Sundsvall. Silvestertag.
Wir wandern ums Karree und gehen einen Happen essen.
Zurück im Hotel bestreiten wir zwei Runden Khet 2.0 bei alkoholfreiem Sekt. Mit schokoladehaltigen Kniffen verhindern wir allzu arge Tränen beim Verlierer.
Eigentlich wollten wir nur zum geschmückten Markplatz, um unsere Wunderkerzen abzufackeln, aber wir haben uns von den Massen zur Ostseebucht mitreissen lassen. Und dort ging die Post ab. Es war eh nur noch weniger als eine Stunde bis Mitternacht und mit Abba-Beschallung, offizieller Ansprache und einem wirklich tollen Feuerwerk rutschten wir mit ins neue Jahr.
Zurück im Hotel waren dann Henry's Batterien schlagartig verbraucht. Das Einschlafen war diesmal für ihn und uns kein Aufwand.

Beim Frühstück waren wir rechtzeitig, so dass wir sowohl genug vom Essen als auch noch unsere Ruhe abbekommen haben.
Gegen Mittag hatte uns dann die Sonne wieder. Henry schimpft, diesmal über das Licht, nachdem er sich tagelang über die Dunkelheit beschwert hat :)



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