August 2013

Jämtland










Knowledge of what is possible is the beginning of happiness.

George Santayana



Jetzt, zum Zeitpunkt des Niederschreibens Anfang Oktober, wird klar, dass dieser Urlaub als einer der besten überhaupt durchgehen kann. Zum einen durch das Meistern neuer Herausforderungen, zum anderen aber auch weil unser Henry seit dieser Zeit wie verwandelt ist.
Dank Elternbesuch konnten Jana und ich überhaupt erst diese mehrtägige Wanderung in Schwedens mittlerem Norden in Angriff nehmen. Und Dank unserer Unerreichbarkeit infolge grossflächigen Funklochs haben wir auch tatsächlich mehrere Tage am Stück unser Ding gemacht. Mit dem Ergebnis, dass Henry mit dem Erleben kultureller Differenzen und unserer zeitweisen Abwesenheit, uns seitdem als Eltern mit unendlich mehr Vertrauen und Freundlichkeit begegnet.
Und ich kann auch gleich vorwegnehmen, noch nie hatte ich diese deutliche Erfahrung gemacht die oftmals mit Urlaub und Ruhe verbunden wird, diese befreiende Gelöstheit im Kopf. Erst als wir wieder im Empfangsbereich waren und bestürzende E-mails lesen und Umbuchungen vornehmen mussten, als wir im Auto sassen und die Gedanken sich um die nächsten Tage der Rückkehr nach Hause und um die Arbeit zu drehen begannen, stürzte auf einmal wie die ganze Welt wieder auf mich ein. Vorbei war die Schwerelosigkeit, die mir, wie mir erst jetzt bewusst wurde, die letzten Tage innegewohnt hatte.



Genug der Einleitung. Im weitgehender Chronologie will ich nochmal durch die vergangenen Tage wandern.
Das Gute an Jämtland ist die Entfernung zu Södertälje. Kurzfristig haben wir umdisponiert und uns gegen Lappland entschieden. Eine Tagesreise nur entfernt, kann man noch am Abend in der Bergstation ein gutes Abendessen zu sich nehmen und sich danach schon mal ein bischen anwärmen.



Nach einer etwas unruhigen Nacht aber umso besserem Frühstück war uns der Auflauf am Beginn der Wanderwege gleich erstmal zuviel, aber das hielt zum Glück nicht lange an. Wir machten kleinere Schritte.
Weit kamen wir auch erstmal nicht, dann sahen wir schon Rentiere im Unterholz und diesen wunderschönen Rastplatz am See.



Nicht lang, dann tat sich der Wald auf, und wir bekamen einen Ausblick auf das was uns erwarten würde.



Eine meiner grössten Sorge war, ob ich wohl auch ja etwas von diesem lieblichen Wollgras sehen würde. Anfänglich liess ich daher auch kaum eine Gelegenheit aus, es festzuhalten.



Auch wenn wir über die nächsten Stunden zur Genüge Pausen eingelegt und Bilder gemacht haben, ist in der Rücksicht nicht viel davon zu sehen. Schnell wurden die ersten Schnappschüsse durch bessere überboten.



Nach mehrereren ermüdenden Stunden und bei dieser Weggabelung erlebten wir den Tiefpunkt der gesamten Tour. Laut Karte hatten wir uns auf nurmehr zwei oder drei weitere Kilometer bis zur Valastugan eingestellt. Acht waren an dieser Stelle mehr als wir emotional bereit waren zu geben. Aber eine grosse Wahl hatten wir nicht. Und schliesslich konnten wir noch mächtig aufatmen, denn nach viel weniger als einer gefühlten weiteren Stunde waren wir am Ziel.



Ganz klar, das Sturebadet war für mich der eindeutige Höhepunkt dieser Tage. Sowas hatte ich immer gehofft mal zu erleben. Ein natürlicher Pool, mit klarem, kalten Bergwasser gespeist und mit ein paar grossen Felsbrocken zum schnellen Ein- und Ausstieg versehen. Noch am ersten Abend, wenig später nach unserem Eintreffen bei der Hütte und bereits mit Einbruch der Dämmerung, machte ich einen Badegang. Und bei diesem blieb es ganz sicher nicht.



Also, die Hütte und das Umfeld haben uns dermassen gefallen, dass wir die nächsten drei Tage gar nicht richtig aus dem Knick, das heisst in die Gänge gekommen sind bzw. kommen wollten. Ausserdem meinten wir, es uns nach den zwanzig Kilometern redlich verdient zu haben. Herrlich entspannte Tage.
Nach der täglichen Unruhe am Morgen waren wir neben dem Hüttenwart die einzigen Hüttenbewohner über den Grossteil des Tages, und was gibt es Schöneres, als den Vormittag bei offenem Fenster im Bett zu verbringen. Gerade nach dem Bad am Morgen war das genau das Richtige.



Und wie angedeutet, um Bilder vom Wollgras musste ich mir keine Sorgen machen.



Die Hütte wurde nie zu voll. Nur einmal waren alle Zimmer belegt.

Zum Abend drehte ich gern meine Runden. Für etwas musste ich ja schliesslich das Stativ mitgeschleppt haben.
Kein Wunder, dass der Norden Ruhe und Gelassenheit fördert. Die Sonne sinkt in einem so flachen Winkel, da läuft das Licht nicht so schnell davon.



Ein wahrhaftig traumhafte Stimmung unweit der Hütte. Windstille. Das einzige Geräusch ein entferntes Wasserrauschen in den Bergen.



Am zweiten Vormittag hat uns der Hüttenwirt unseren geruhsamen Vornittag etwas verkürzt. Er hat Gasflaschen gewälzt. Die Dinger dongen fürchterlich. Zum Schluss habe ich noch mit angefasst.
Schöne Gegend aber. Ich mag das baumfreie Fjell.



Manchmal meine ich Gefahr zu laufen, nurmehr bebilderte Momente in Erinnerung zu behalten.
Andererseits möchte ich auf solche Bilder wie dieses nur schwer verzichten.



Jana entdeckt zunehmend die Mikrowelt mit ihren vielfältigen, verborgenen Mustern für sich. Die Flechten interessieren uns beide, und am Bildschirm war ich richtig verblüfft, welche Details in den Aufnahmen stecken.

Zumeist reichen mir jedoch solcherart Stillleben:



Oder sowas.



Den See musste ich Jana unbedingt zeigen. Auch diesmal regte sich kein Lüftchen.



Und während ich Blaubeeren in mich hineinstopfte, beobachtete ich nebenbei aufmerksam die Gegend. Am Vorabend habe ich Rentiere durch die Gegend streifen sehen. Warum sollte es diesmal anders sein. Genau.



Der Hüttenwirt wollte es uns Anfangs nicht glauben und meinte auch wir würden nach einer Nacht weiterziehen. Wir hielten uns aber an die anfangs veranschlagten drei. Ich hätte die Rückrunde gern ein wenig grösser gezogen, aber über die gewählte Strecke nach Stensdalen bin ich nicht unglücklich.



Lange genug noch waren wir im Fjell unterwegs. An Blaubeeren herrschte Überfluss. Auch Wasser ist überall zu finden und ohne Gefahr zu geniessen.



Die Tage waren eigentlich für's Wandern fast noch zu warm. Um diese Jahreszeit kann man allerdings auch schnell mal frostkalte Nächte und tagelangen Regen haben.



Schliesslich galt es eine richtige Furt zu queren. Beide kamen wir trockenen Fusses rüber.



Felix hätte vielleicht wieder gesagt, wie in Afrika. Aber von einer Savanne sind wir weit entfernt. Nach spätestens drei Schritten in diese Richtung weiss man Bescheid.



Wir tingeln durch lockeren Wald und queren einen zweiten Fluss. Diesmal tief genug, das Paar Müllsäcke auszuprobieren.



Die vierzehn Kilometer ziehen sich wieder. Mit dem Wissen, dass es nur noch ein paar Hundert Meter bis zur Hütte sind, wäre mir auch dieses Bild leichter gefallen oder anders herum, gerade deswegen bin ich froh es gemacht zu haben.



Auf den Plumpsklos hängen Bilder von der brennenden Hütte. Die neue wird gerade gebaut. Des Hüttenwarts Häuschen steht aber noch, und mit ihm die Geweihsammlung. Und im Fluss haben ein paar gute Leute eine kleine Stelle für das Abtauchen nach der Sauna eingerichtet. Aber man muss natürlich nicht in der Sauna gewesen sein, um die Abkühlung zu geniessen.



Wir schlafen im Container. Haben das ganze Ding für uns. Am Morgen lädt uns Fancy-Pants ein, sich doch zu ihnen an der Tisch zu setzen, die Sonne sei so schön und die Luft so klar. Recht hat er. Dabei erfahren wir auch den Schmäh um das Sturebadet bei der Valastugan. So heisst nämlich das grosse Erlebnisbad in Stockholm.




So machen wir uns am nächsten Tag auf den Rückweg nach Valadalen. So gemütlich sind der Container und die Baustelle nicht.
Wir ziehen durch grossartige Ebenen. Jana geht voraus oder sie nutzt mein Fotografieren für eine Pause.




Wohlwissend, dass sie mich bei einem meiner nächsten Fotostopps wieder eingeholen würde, bin ich auch manchmal etwas vorrausgegangen.




Ich kann mich nur wiederholen: Ich bin total begeistert von der Landschaft. Die Wanderwege führen uns durch schönere Gefilde als erwartet. Schön offen und abwechslungsreich. Und das Wetter spielt uns mehr als gut mit.




Die letzten Kilometer führen durch den Wald. Teilweise recht dicht und dunkel. An einer lichten Stelle machen wir eine Pause unter Kiefern.




Das Land ist gross und in diesen dichten Wäldern verliert man sich schon mal aus den Augen. Beide hatten wir unabhängig voneinander diese Stelle am See als signifikant und damit als Treffpunkt auserkoren, so war es nur ein Frage der Zeit, und wir hatten uns wieder.




Ich nehme an, es ist nur meiner Euphorie während dieser Tage zu verdanken, auch dieses Wasser war nicht zu kalt für einen Sprung in selbiges. Das flache Ufer und der feine Sand luden förmlich zu einer kleinen Schwimmrunde ein.




Die letzten Meter ziehen sich wieder. Und der Herbst ist gross im Kommen. So haben sich in den letzten paar Tagen doch ein paar mehr Birkenblätter angesammelt.




Zurück in Valadalen. Wir haben's geschafft.
Wie am Anreiseabend kommen wir zu spät, die Rezeption hat schon zu. Ein Zimmer kriegen wir trotzdem. Unsere Bestellung geben wir vor Küchenschluss auch gleich auf. Wie sich dann jedoch herausstellte, war das Zimmer schon belegt. Das ist uns auch noch nicht passiert. Aber zum Ausgleich bekamen wir ein tolles Zimmer im Haupthaus.
Zum Essen platziert werden wir, wie sollte es anders sein, neben Fancy-Pants. Aber die Schönheiten der Landschaft und der Wanderung gemeinsam zu beschwören ist ja nix schlechtes. Das wir sie dann auch wieder am nächsten Morgen zum Frühstück treffen würden, war uns schon klar.




An diesem Abend und bis weit in den nächsten Tag hinein lebte ich noch die eingangs erwähnte Unbeschwertheit. Zu diesem Zeitpunkt war mir der kommende Verlust aber noch nicht bewusst.




Der Schwedische Touristenverein hat mitunter sehr gute Unterkünfte unter seinen Fittichen. Viele einfache Herbergen, so auch die Berghütten, und oftmals mit gutem, hausgemachtem Frühstück. In Söderhamn fanden wir das "Gewächshaus". Ein ökologischer Betrieb mit Übernachtung.




Am Abend hat uns der Chef sogar eingeheizt.
Und ich konnte es dieser Tage nicht lassen, gleich nach dem Aufstehen ein kühles Bad. Zimperlich war gestern.




Gern wäre ich zwar noch einen Tag länger im Fjell geblieben, aber als guter Kompromiss ging diese Variante allemal durch.




Einen guten Anteil daran hatten die zum Teil noch bewirtschafteten Bauernhöfe in dieser Gegend, die wegen ihrer einmaligen Ausmalungen als Weltkulturerbe anerkannt sind.




Und weil sich der schwedische König diese ebenfalls ansehen wollte, hatten wir Glück und brauchten keine Voranmeldung. In der Tat, Carl Gustav und Co. hätten auch wir die Hand schütteln können wenn wir es darauf angelegt hätten.




Wie unser Ausflug hatte auch die Schönwetterphase schliesslich ein Ende. Es war nicht mehr weit und Kaffeetrinken gab's schon zu Hause.




Wie auf der Hinfahrt, hören wir auf dem Weg nach Hause "Glorious Eels", die musikalische Jämtland-Assoziation.



Ein paar praktische Anmerkungen noch.
Die Beraterin beim Globetrotter hatte recht: Wenn die Schuhe passen, erübrigt sich ein Einlaufen.
Zum ersten Mal verwendeten wir diese Microfleece-Handtücher. Tolle Geschichte, haben voll überzeugt. Obwohl ich bei anderer Gelegenheit auch mit dem T-Shirt zurechtgekommen bin.
Die Wanderstöcke sind der Hit. Wenn man sie ausschliesslich nimmt soll man zwar etwas Geschicklichkeit und Kraft einbüssen, aber am Tagesende geben sie Sicherheit und vergrössern den Schritt.



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