September 2013

Fulufjället NP










Certain things catch your eye, but pursue only those that capture your heart.

Native American Saying



Wenn Henry nicht will, will er nicht. Waren wir noch guter Hoffnung ob seiner gezeigten Wanderbegeisterung von vor einer Woche - wir hatten zum ersten Mal die Runde im Vattgruvmossen vollständig geschafft - war diesmal aber leider kein Blumentopf mit ihm zu gewinnen.
Wir hatten extra kurzfristig umdisponiert und uns das südlichste Fjell Schwedens mit einer entsprechend kürzeren Anfahrt herausgesucht.
Und auch wenn das nicht viel heissen muss, aber auch die Wettervorhersage verhiess keinen Regen, und so wollten wir ein schönes Herbstwochenende haben. Als es aber dann nach einer Nacht in einer Herberge richtig losgehen sollte, hat Henry gestreikt. Alles gute Zureden, auch von Felix, half nicht. Guter Rat war nicht zu haben.
Schliesslich endeten wir bei der Idee die wir ursprünglich verworfen hatten: Jana verbringt eine weitere Nacht mit Henry in der Herberge und ich würde mit Felix versuchen, im Nationalpark zu übernachten.



Es war dann schon fast Mittag als wir uns aufmachen und ich packe die Rucksäcke also hastig und schlecht gelaunt um und bin total wuschig, weil immer noch nicht klar ist, wie es nun wirklich weitergehen würde. Auf jeden Fall wollen wir vier soweit es geht erstmal gemeinsam in den Park vorstossen, wer weiss, ob es sich Henry dann nicht doch noch anders überlegen würde.

Die Landschaft hilft trübe Gedanken zu verdrängen. Die tiefstehende Sonne lässt das goldene Birkenlaub und besonders auch die Blaubeerbüsche aufleuchten. Über uns ziehen kräftige und schnelle Wolkenfelder. Während Jana und Henry vorangehen, laben Felix und ich uns an den zahlreichen Blaubeeren und am Licht.



Nach ein paar Hundert Metern hat Henry dann vermeintlich seinen Teil des Kompromisses erfüllt und er will zurück.
Wir trennen uns also leider. Jana hat das schwerste Los gezogen, ich bedaure, dass wir die kommenden Erlebnisse nicht teilen können, aber die Kinder sind zumindest frohgelaunt.

Felix und ich ziehen mit grossen Schritten los und wenig später lassen wir die Baumgrenze hinter uns und stossen ins Fjell.
Praktischerweise liegt ungefähr auf halber Strecke zu unserem Ziel eine Schutzhütte. Bis dahin will ich auf jeden Fall erstmal kommen und dann haben wir noch alle Optionen offen.

Bei dem steifen und kalten Wind und wegen der massiven Wolken bin ich erst mal froh, als ich die Hütte am Horizont erspähe.



Damit ist ein Stück Druck weg und ich kann etwas entspannen und ein paar Momente mehr auf meine Bilder verwenden.



Fernab vom Weg sehen wir ein grosse Steinsäule deren Ende wir ein Totenkopf aussieht. Natürlich lasse ich Felix diese alleine auskundschaften mit dem Ziel uns auf halben Weg zur Schutzhütte wieder zu treffen. In dieser weiten Landschaft habe ich ihn immer im Auge und wir winken einander zu.



Wieder beisammen und die Hütte zum Greifen nah schlagen wir uns noch ein paar Meter abseits des Weges
durch Feuchtwiesen und über ein paar Bäche.



Die Hüttenpause ist erst mal notwendig. Felix muss sich aufwärmen und noch eine Lage anziehen.
Mir reicht mein Käse, aber gerade für Felix ist ein sogenannter Energieriegel gut für's Gemüt.



Die unterschiedlichen Entfernungsangaben auf Karte und den Wegweisern sind verwirrend. Aber noch sechs Kilometer bis zur Tangsjönstugan sollten zu schaffen sein. Aber vielleicht fällt das auch ins Wasser, wenn ich mir so den Horizont aus der Windrichtung mal genauer ansehe.



Vorerst müssen wir also erst noch diese Regenfront abwarten.
Erst dann würden wir den weiteren Tourverlauf entscheiden können.



Wir haben Glück, so schnell wie der Regen kam, zieht er auch weiter.



Klar muss da irgendwo auch ein Regenbogen sein. Lange muss ich nicht warten.



Felix hat sich inzwischen ausreichend gut aufgewärmt. Vor die Entscheidung gestellt, ob zurück oder weiter, gibt es für ihn keine Frage.

Voller Elan machen wir uns auf das zweite und letzte Teilstück. Der kalte Wind schob uns gut voran. Ich habe ein Gefühl, wie jetzt wirklich ins Ungewisse vorzustossen. Vielleicht liegt's auch daran, nicht nur für mich voll verantwortlich zu sein.

Kurz nach der Schutzhütte macht der Weg eindeutig einen Schwenk, den ich so von der Karte nicht in Erinnerung habe. Die habe ich nämlich auch im Auto gelassen, aber ich beruhige mich damit, dass die Himmelsrichtung unseres Weges stimmt. Nur hin und wieder unterbrechen wir die Stille mit ein paar Worten. Einige davon formen die Frage, wie lange es noch dauern würde. Gefühlsmässig und mit etwas Aufschlag könnte es schon noch eine gute Stunde sein. Doch weit gefehlt: "Felix, ich sehe was, was Du nicht siehst" - Dank meiner Grösse. Und nach ein paar weiteren Schritten wandern auch seine Mundwinkel nach oben.
Tolles Gefühl die Hütte zu sehen. Uns fällt das Gehen plötzlich um so viel leichter.



Meine Befürchtung, dass die Hütte aus irgendeinem Grund geschlossen wäre, bestätigt sich nicht.
Erlöst und zufrieden nehmen wir sie in Besitz. Dabei bietet sich dieses Bild, was mich so glücklich macht.



Wir sind die einzigen Wanderer und ich rechne auch nicht mehr mit mehr Leuten an diesem Tag.
Wir schauen uns mal um und finden nur die Haupthütte offen.



Feuerholz gibt es in der Haupthütte genug, nur pro forma nimmt Felix einen Arm voll Scheite von der zweiten Holzstelle mit.



Keine Frage, ich schleppe dagegen immer die Kamera mit mir mit.



Bevor wir es uns gemütlich machen, mache ich mich am See frisch. Zum vollen Abtauchen kann ich mich nicht überwinden, aber um Felix zu beeindrucken und für das Gefühl gleich absterbender Beine reicht es locker.

Noch wärmt die Sonne, aber in Erwartung der des Nachts fallender Temperaturen heizen wir ordentlich ein. Wir können ja dermassen froh sein, Streichhölzer vorgefunden zu haben (auch den Anzünder hatte ich im Auto gelassen), aber ein (rauchfreies) Feuer zu machen will trotzdem gelernt sein. Inzwischen weiss ich, wie man sich feine Späne bereitet und damit hantiert.



Die Öfen sind für Felix ein Erlebnis. Ich lasse ihn ein bischen fummeln.


Und jetzt machen wir erstmal eine nette und lange Pause - ehe ich noch mal raus will.
Als Teepause geht unsere ausgedehnte Vesper zwar kaum mehr durch, war dafür aber auch doppelt gemütlich.


Jetzt will ich aber die tiefstehende Sonne nutzen und muss Felix dazu auch nicht zweimal bitten.



In der Zwischenzeit ist es noch eine gute Ecke kälter geworden. Überall steht das Wasser und vorsichtig wandern wir im Gelände. Vorher schon hatte Felix beim Rumspringen bei der Hütte in seinen Crocs Wasser geschöpft und seine Wanderschuhe sollen nicht auch noch nass werden. Alles gute Gelegenheiten zum Lernen.



Also, wer will kann wirklich viel entdecken.



Das Licht ist goldig, aber Viel Wärme kommt nun wirklich nicht mehr bei uns an. Der Wind bläst umso stärker.



Keine zehn Kilometer in diese Richtung müsste man übrigens nach Norwegen kommen.



Abwechselnd schenke ich meine Aufmerksamkeit Felix und den Wolken.



Das Licht schwindet langsam aber unaufhaltsam und ehe uns wirklich zu kalt wird, treten wir den Rückzug an.



Ich mache uns einen grossen Topf Spaghetti.
Mit anschliessendem Kaffee beziehungsweise Tee und dem Feuer im Kamin wird uns rundum wohlig zumute.


Mit Einbrechen der Nacht stehen wir am Fenster. Bei Ausblenden aller Bezugspunkte erzeugen die schnellziehenden Wolkenfetzen die Illusion rasender Sterne am Firnament.
Der Mond ist nicht voll, aber hell "wie nur was".
Bei Kerzenschein spielen wir noch ein paar Runden Mau-Mau, dann geht's ins Bett.


Die Nacht ist kalt. Zu kalt für meinen Geschmack. Mitten in der Nacht weckt mich Felix. Er zittert. Ein Gutteil davon schreibe ich seiner Aufregung zu. Nachdem ich auch die letzten beiden verfügbaren Decken auf uns aufgeteilt habe, hat er eine ruhige und warme Nacht. Für mich reicht's zwar immer noch nicht, aber lieber so als anders rum. Wahrscheinlich hätte ich das Feuer am Leben erhalten sollen.


Dafür springe ich mir-nichts-dir-nichts zeitig aus den Federn und erwische die ersten Sonnenstrahlen.
Der Wind hatte etwas nachgelassen. Mit einer Schicht nur bekleidet renne ich rum und mach ein paar Fotos.



Ich schmeisse die Öfen an und kümmere mich ums Frühstück als Felix auch erstmal Morgenluft schnappen geht. Ich röste uns das Brot in der Pfanne und unser kleiner Honigtopf avanciert zum Best-of dieser Stunde.


Ich weiss nicht genau wann wir loskommen, aber gepackt und ausgefegt ist schnell.

Überrascht und begeistert sehen wir, dass sich über Nacht Eis auf dem Wasser gebildet hat.
Kein Wunder, dass mir kalt war. Felix macht Luftsprünge.



Die liebe Sonne strahlt kräftig am fast wolkenlosen Himmel, aber heute bläst uns der eisige Wind direkt ins Gesicht.
Felix leidet etwas, seine Augen brennen, ich ziehe ihm die Mütze tiefer ins Gesicht.

Die Landschaft ist grossartig. Ich fühle mich ebenso.


The land in front of our toes goes on and on, on and on..., Biffy Clyro (from Opposites)



Ohne Hast ziehen wir durch's Fjell. Der Himmel beginnt sich zuzuziehen, aber Sorgen mache ich mir deswegen keine.

Felix erinnerte sich noch, mir ist dieses Geröllfeld am Tag zuvor jedoch nicht hängengeblieben.



Über kurz oder lang taucht in der Entfernung die kleine Schutzhütte wieder auf.



Und überraschend schnell erreichen wir schliesslich das Ende der Hochebene.
Wir haben uns gut Zeit gelassen und gerne würde ich noch verweilen, aber mehr als ein Hinauszögern wird es ja doch nicht.



Der Weg zurück durch Bäume und Sträucher erscheint mir jedoch noch schöner als am Tag zuvor.
Wir passieren den Baumstumpf, an dem wir uns vor ziemlich genau vierundzwanzig Stunden von Jana und Henry getrennt haben.




Die beiden treffen wir auch wenig später wie vereinbart. Gerade hatten sie die Schutzhütte ein paar Meter vom Parkplatz entfernt verlassen und wir überraschen sie beim Auto. Henry ist wieder guter Dinge.

Sehr langsam rollen wir los.
Die Heizung ist gut hochgedreht.


Die musikalische Assoziation mit dieser Reise ist ganz offensichtlich das Album "Opposite" von Biffy Clyro.



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