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Das Baumhaus

The point of being over forty is to fulfill the desires you have been harboring since you were seven.
Guillermo del Toro



Dezember 2007

Vor bestimmt mehr als einem Jahr schoss mir beim Sinnieren über unseren Wald der Gedanke an ein Baumhaus in den Kopf. Welch (Kinder-)Traum da wahr werden könnte.
Inzwischen ist viel Wasser den Wabash hinabgeflossen. Das Layout existiert im Kopf, aber auch einige Seiten Papier sind mit Details vollgekritzelt. Eine Menge Anregungen habe ich mir natürlich aus Büchern und dem Netz geholt.
Auch die Materialsammlung ist für das Gröbste abgeschlossen. Manche schon ausrangierte Gegenstände haben eine neue Planstelle gefunden. Anfang November habe ich das erste Mal sachte Hand an einen Baum gelegt.
Eine geeignete Ecke im Backyard war ja schnell gefunden. Vier Bäume mit der Massgabe von mindestens sechs Zoll Stammdurchmesser stehen schön im Geviert. Jedoch, fünfundzwanzig Fuss Baumabstand in einer Richtung zu überbrücken sind nicht ohne. Wie gerufen kam da die Erneuerung der Freileitung in unserer Gegend. Die Energiegesellschaft ist mehr als gern bereit, alte Masten - die mir als teilweiser Baumersatz dienen sollen - irgendwo abzuladen, zum Beispiel in unserer Einfahrt. Zwei Sixpacks habe ich den Leuten da gern spendiert.

Anfang November hatte mir ein Kollege die Einschraubstahlträger, die Grundlage für eine stabile, dennoch flexible Aufhängung, gefertigt. Meine extra zusammengeschusterte Bohrmaschinenführung half, die eigens zu diesem Zweck beschafften Forstner- und Auger-Bohrer waagerecht anzusetzen. Wenn schon, denn schon.

Lochdurchmesser von einem Zoll und ein zweizölliger Bund sollten einiges tragen können.
Zwei gekonterte Muttern und Baumwachs halfen beim Eindrehen.

Zu diesem Zeitpunkt sah ich das Baumhaus vor meinem ineeren Auge schon fertiggestellt, uns in der lauschigen Höhe einen Tee schlürfen oder mit dem schlafenden Baby im Arm und Mussorgski's "Bilder einer Ausstellung" im Kopfhörer im Liegestuhl lümmeln.
Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg und ohne Fleiss...

An Hilfe würde es nicht mangeln und bei jeder Firma würde ich damit beim Thema Teamarbeit schlecht abschneiden, aber ich habe mir nun mal in den Kopf gesetzt, das Ding weitgehend alleine durchzuziehen. Also musste ich mir für den Transport und das Aufrichten der Masten was einfallen lassen.
Zunächst hat unser kleiner Traktor gute Schleppdienste geleistet:

Dass ich vergass, einen der Masten zu drehen als dafür noch gute Gelegenheit war und ich deshalb später noch mal ein bischen wuchten musste, wird unter Kunstfehler verbucht.
Beim Aufrichten wurde es spannend. Der Herbst hatte unseren sonst knochenharten Lehmboden angeweicht, so dass ich leicht Löcher bis unter die Frostgrenze ausheben konnte. Ein bischen Kies für die Drainage. Und dann war nur noch die Seilwinde anzusetzen...

Beim ersten "Stamm" ging alles gut. Ein paar Tage später beim zweiten war ich zu faul, für ein schwergängiges schliessbares Kettenglied an der Umlenkrolle eine Zange zu holen und den Verschluss ordentlich zu verschrauben. Ich hatte ungefähr einen Meter auf der Winde, da gab es nach, der Mast fiel dumpf zu Boden, die Kette in der Höhe rasselte gewaltig und das Kettenglied ward nie mehr gesehen.

Aber schliesslich war es geschafft. Und wenn schon keine weissen Weihnachten, so gab es wenigstens auch keinen Frost, so dass noch wie gehofft vor Jahresende alles in Sack und Tüten war.

Und da stehen sie nun erstmal...


Juli 2008

Im Januar und Februar des neuen Jahres zweitausendacht habe ich fleissig in der Wintersonne die ehemaligen Freileitungsmasten 'notched' und doppelte Two-by-ten-Hauptquerträger an den Masten und den Bäumen fixiert.

Anfang März hatte ich dann auch die beiden äusseren Laengsträger verlegt, wie ein Blick aus dem Küchenfenster an einem winterlichen Morgen belegt.

Bis Sommeranfang bin ich gut vorangekommen und ich kann es kaum erwarten, bald auf der Plattform zu stehen.


November 2008

Ein Jahr nach Baubeginn bin ich, na ja eigentlich erwartungsgemäss, nicht so weit wie ich gehofft hatte.
Aber das Grundgerüst steht, oder besser, hängt. Als nächstes kommen die Treppe und dann die Beplankung an die Reihe.


September 2011

Wie am obigen Datumvermerk gesehen werden kann, ist in der Zwischenzeit überhaupt nix am Baumhaus weiter gegangen.
Habe in den vergangenen zwei Jahren viel im und um das Haus herum gemacht. Anderes Angefanges zu Ende gebracht. Das Dach an der Scheune fertig gestellt. Und 2010 waren wir auf grosser Reise durchs Land.
2009/2010 sind also nicht mehr als ein paar Stimmungsbilder entstanden.

Aber Anfang Juni 2011 begann ich aber wieder, den Hammer zu schwingen, so dass einen Monat später die Plattform komplett und die Leiter fertig waren. Felix hat mir übrigens dabei manchmal gut geholfen.

Im Laufe der nahesten zwei Monate erledige ich den Rohbau.

Dutzende 4x4 aus angeblich japanischer Cedar, an die ich vor ein paar Jahren günstig gekommen bin, bilden den Grundstock. Sicherlich nicht ganz mit nordamerikanischer Western Red Cedar zu vergleichen, aber besser als Fichte.


Gesägt habe ich jedenfalls wie ein Weltmeister. Mit dem Anschaffen besserer Geräte vor ein paar Jahren war oberste Priorität eine gute Absaugung in der Garage. Aber statt die Luft durch einen Filtersack zu leiten, blase ich das Sägemehl einfach ins Freie. Ist ja schließlich nur Holz und von Vorteil, wenn man keine unmittelbaren Nachbarn hat. Auf der Wiese ist mitunter ganz schön was zusammengekommen.

Den "Blueprint" fürs Haus habe ich an mehreren Frühlingsabenden auf der Terrasse sitzend entworfen. Viele Detaillösungen habe ich aber erst vor Ort entschieden. Aber im nachhinein ist man sowieso immer schlauer.
Ausser für die 'drip edge', die Metallkante unter dem Dachüberhang, habe ich keine Nägel verwendet. Edelstahl ist das bevorzugte Material für nichtüberdachte Bereiche und wenn Cedar im Spiel ist. Bei McFeely's beziehe ich hervorragende Schrauben, die kein Vorbohren erfordern und sich hervorragend versenken lassen und mit stabilem Innenvierkant- statt Phillipskopf versehen sind.
Als Fenster zum hinteren Deck und in Richtung Teich nehme ich Sturmfenster. Eine Isolierung hatte ich ja nicht angedacht und leichter sind sie auch. Der Sehschlitz ist eines der beiden schon vor Jahren gebraucht gekauften Fenster.
Und klar, Strom muss sein. Leselicht.
Immer öfter muss ich während des Bauverlaufs auch mal zurücktreten und Gelegenheiten ergreifen, meine eigene Arbeit zu bewundern.

Ende August durchlebte ich eine über drei Wochen verteilte Zitterpartie, das Auflegen des Dachs. Die erste Hälfte war leicht zu bewerkstelligen, konnte ich doch von innenheraus arbeiten. Der Abschluss der zweiten Dachhälfte und das vollständige Befestigen der Bleche und insbesondere des Giebelbleches erforderten jedoch Hantieren auf grössten Leiterlängen. Wie die Profis habe ich mir dafür auch eine Leiter aufs Dach gelegt. Nicht wirklich gefährlich, aber eben hoch.

Das offensichtliche Loch im Gerüst in der Nordseite hatte übrigens einen Zweck. Als die Seitenwände bis auf diese Front soweit komplett waren, habe ich durch diese Öffnung die Schlafcouch bugsiert.
Die Seilwinde hat wieder gute Dienste geleistet. Alles ganz easy.

Ende Oktober hatte ich das Haus soweit, dass ich auch schon mal eine Nacht darin verbringen konnte. Die Türen und eine Menge Details fehlen zwar noch, aber mit 'ner Pappe vor den Eingängen und mit extra Decken zum Schlafsack sowie einem großen Schluck Eiserner Löbauer versehen, habe ich tief geratzt. So tief, dass mich Felix am nächsten Morgen gegen halb neun wecken musste, weil die Familie gemeinsam frühstücken wollte.
Awesome.

Eigentlich hätte ich in mindestens ähnlicher Intensität über die zweitausendelfer Bauschritte berichten müssen wie über die der Anfangsphase, aber es ist nicht unüblich, dass gerade Anfänge am meisten emotionsgeladen sind und stärkeren Ausdruck finden. Das heißt nicht, dass die Verwendung meiner besten Cedar-Stücke an exponierten Stellen, die geschmiedeten Scharniere, meine stabilen Türen, oder die per Seilzug zu bedienenden Lüftungsklappen vergessen sind...
Plötzlich habe ich auch für allerlei Gerassel vergangener Zeiten, wie Räucherstäbchen oder auch meine stattliche Sammlung Kienäppel von unserem Big Trip 2010, einen geeigneten Platz.
Am liebsten aber knusel ich mich eingemummelt im Schlafsack und mit Hifiman und Kopfhören auf die Couch und schau "dem lieben Gott ins Fenster".
So besehen vergesse ich mitunter schnell, was es noch zum Leben braucht.


2012

Im Frühjahr habe ich dann auch die Lofts für die Jungs fertig gezimmert. Als dann aber feststand, dass wir im Begriff waren größere Veränderungen einzugehen, habe ich die Leiter für Henry nicht mehr in Angriff genommen. Dafür und für die Geländer an Terrassen und Leiter werde ich vielleicht in ein paar Jahren weiter an dieser Stelle berichten.
Aber bis dahin, Kaffee und Kuchen und so manche Nacht schmeckten da oben besonders und das bei jedem Wetter.


Und zum vorläufigen Schluss und statt weiterer Worte...


2015

Wir sind zurück.
Während unserer Zeit in Schweden habe ich so manchen Gedanken an das Baumhaus verdrängen müssen. Zu helfen war dem ja eh nicht. Aber jetzt im Juli 2015 war die Stunde der Wahrheit gekommen. Gespannt wie ein Flitzebogen nehmen wir die Inaugenscheinnahme in Angriff und erleben ein mittleres Wunder. Wie wir wussten, hatten die ersten Mieter noch die Eingangstür mit extra Gummistrippen gesichert und seitdem war a) dem Anschein nach niemand drinnen gewesen und b) bis auf etwas Käferdreck und tote Wespen im Fenster alles wie wir es verlassen hatten. Wie eine Zeitkapsel. Big relief.
Äußerlich hat das Haus einiges an Wetter erlebt, aber drinnen ist davon nichts angekommen. Toll.

Während unseres Urlaubs in Michigan gleich nach der Rückkehr hat hier wiedermal ein schönes Unwetter gewütet und wieder eine Robinie umgelegt. Der Baum war zwar groß, der Abstand zum Baumhaus aber größer.




Wir machten jedenfalls erst mal klar Schiff, ich beräumte den Baum, die Jungs halfen beim Ausfegen.


Und dann machen wir weiter wie wir aufgehört haben, speziell an den kühleren Tagen im Herbst.

Ja, also der Indianer heißt ja übrigens seit unserer Rückkehr aus Schweden auch wie der Opi, er sähe halt so aus. Ein bisschen Spaß muss sein.



Und klar, noch ein paar weitere Bilder aus dem Jahr:


2017

Unserer jüngsten Pläne wegen sollte ich eigentlich keinen Handschlag mehr am Baumhaus machen, sondern es nur noch nutzen. Aber eine neue Hausversicherung wollte dann doch ein Geländer sehen, und weil ich auch mal ranklotzen kann, war das ruck-zuck erledigt. Ich war sogar dankbar, dass ich es a) endlich erledigt habe und b) das dazu notwendige Material nicht anderweitig loswerden musste.
Und es geht schon besser so, mit Geländer :)
Ach ja, das Feuerholz lässt sich unter dem Haus auch hervorragend lagern.



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